Die Todsünden der Autoren

oder:

Kann man als Autor auch versagen? Worauf Ihr wetten könnt!

Unglaubwürdigkeit

Langatmigkeit

Offene Fragen

Epische Gerechtigkeit

Perspektivwechsel

Falsche Zeiten

Die letzten beiden Manuskripte (Stand 10/04), die ich als Mentor überarbeitet habe, hatten eins gemein. Der Autor war an einigen Stellen unglaubwürdig. Dieses Phänomen ist gar nicht mal so selten. Wir finden es sogar in diversen Filmen. Wer kennt es nicht, das kollektive Kopfschütteln vor dem Fernseher, wenn uns der Regisseur bzw. der Drehbuchautor etwas erzählen wollen, was so nie funktionieren kann?

Wenn man selbst schreibt, bemerkt man es selbst gar nicht immer und man sollte den Testlesern, die drauf aufmerksam machen - danken. Wie gesagt, in den letzten beiden Manuskripten habe ich es den Autoren gesagt und bekam von beiden die selbe Antwort: das haben andere auch schon gesagt

Hier mal ein klassischer Fall, wie ich in meinem vierten Roman unglaubwürdig geworden bin. Zitat:
„Ich habe während meiner Armeezeit eine entsprechende Ausbildung erhalten. Die Uhrzeit an den Sternen abzulesen ist relativ leicht. Auch wenn wir hier in der Karibik sind, befinden wir uns immer noch auf der nördlichen Halbkugel. Der Mittelpunkt der Gestirne ist der Nordpolarstern. Alle anderen Sterne und Sternbilder drehen sich um diesen Stern. Wenn du dir um achtzehn Uhr einen Stern oder ein Sternbild südlich vom Polarstern aussuchst, dann stell dir vor, dass das der kleine Zeiger einer Uhr ist. Du musst dir diesen Stern nur einprägen, dann kannst du zu jeder Zeit an seinem Stand ablesen, wie spät es ist. Allerdings muss man bedenken, dass diese Uhr gegen den Uhrzeiger läuft. Wenn dein Stern also auf drei Uhr steht, ist es neun Uhr abends. Die Himmelsrichtung abzulesen, ist noch einfacher. Der Polarstern steht immer im Norden. Daher auch sein Name, Nordpolarstern. Von der Karte im Hotel habe ich dir schon erzählt...
Der Typ befindet sich also in der Karibik und liest an den Sternen die Uhrzeit ab. So weit, so gut, dass kann man wirklich. Während ich das geschrieben hatte, machte ich Urlaub in der Ägäis und musste zu meinem größten Erstaunen feststellen, dass man dort bereits nicht mehr den Nordpolarstern sehen kann, auch nicht die Sternbilder, die wir hier so kennen. Da die Ägäis nun aber nördlicher als die Karibik ist, kann man dort den Stern schon gar nicht sehen. Ich musste also handeln und habe die Szene umgeschrieben. Zitat:

„Du bist gut, um achtzehn Uhr einen Stern merken. Woher, bitte schön, weiß ich denn, das es achtzehn Uhr ist, wenn ich keine Uhr habe?"
„Gute Frage. Auf die beschriebene Art wurde es uns beigebracht. Die Uhr wurde später natürlich weggelassen. Man bekommt dann mit der Zeit ein Gespür dafür. Nicht nur dafür, sondern für das ganze nördliche Gestirn. Wir sind hier zwar noch auf der nördlichen Halbkugel, aber doch schon relativ weit südlich. Das heißt, dass der Nordpolarstern bereits am nördlichen Horizont verschwunden ist und mit ihm alle aus unseren Breiten bekannten Sternbilder. Großer und kleine Wagen und so weiter. Das macht die Sache schon ein bisschen schwierig für mich. Aber es geht."
„Hast du dort, ich meine während deiner Armeezeit, auch das…", Christina stockte. „Ich meine, hast du dort…"
„Du meinst das Töten? Ich habe bis zum heutigen Tag nicht geglaubt, dass ich diese Fähigkeiten einmal einsetzen müsste...

Wäre ich nicht in der Ägäis gewesen, ich hätte dem Leser weis gemacht, man könne in der Karibik den Nordpolarstern sehen. Mit Sicherheit hätte es kaum jemand bemerkt, aber vor dem, der es bemerkt hätte, hätte ich schön dumm dagestanden. Ich hätte als Autor versagt... Und das ist so ziemlich das Letzte, was ich möchte.

„Last Minute nach Nirgendwo”, ein Karibikurlaub wird zum Horrortrip durch den Dschungel, ein Thriller. ISBN 3-936600-01-5
Ein weiteres Beispiel:.
Eine Frau erhält ein Fax, ein umfangreiches Fax. Es kommt von ihrem Mann. Später soll sie die Kosten dafür übernehmen. Wie das? Wenn ich meiner Frau ein Fax schicke, muss ich dafür aufkommen. Klar gibt es Ausnahmen, davon war aber keine Rede. Also ist es unglaubwürdig, dass die Frau für die Kosten aufkommen muss.
Für ein Buffet werden lebensgroße Eisskulpturen geschnitzt. Zu diesem Zwecke wird in großen Kisten Wasser gefroren. Aus dem Eisblock schnitzen Chinesen Skulpturen. Jemand bringt eine Frau um, legt sie in die Kiste, lässt Wasser rein, die Leiche friert ein. Im gesamten Buch taucht die Leiche nie wieder auf. Skulpturen wurden aber trotzdem weiter angefertigt. Warum hat niemand die Leiche gefunden? Die Leiche hätte gefunden werden müssen, es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen. Man fand sie aber nicht. Schon klar, eine Leiche finden, das bringt vieles nach sich und das konnte der Autor nicht brauchen. Also blieb die Leiche da wo sie war, im Kasten, im Eisblock. Für mich damals im höchsten Grade unglaubwürdig.

Zurück

Eine weitere Sünde: die Geschwister Langatmigkeit und die Langweiligkeit (lange Weile). Es gibt Autoren, die vom Bahnhof zu Kofferklauen kommen, die etwas von der Küche erzählen wollen und bei den Grundmauern anfangen. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Leser diese Stellen einfach überschlagen und wenn es ihnen zu bunt wird, dann klappen sie das Buch zu und legen es weg. Ebenfalls: herzlichen Glückwunsch. Warum gebe ich mir die Mühe und verfasse einen Text, den andere überspringen? Na, da hab ich ja was gekonnt. Zehn mal lese ich es mir durch, überarbeite es, redigiere, verbessere und andere überspringen das? Ticken die noch ganz richtig? Jeder Autor der davon erfährt, wie mit seinem Text umgegangen wird, sollte sich fragen, ob er noch richtig tickt. Und so war für mich ein großes Kompliment, dass einmal ein Leser schrieb: man kommt nie in die Versuchung ein paar Zeilen überspringen zu wollen. Mein Mathelehrer sagte immer: in der Kürze liegt die Würze. Meine Tochter hatte einmal in einem Roman von Dean Koonz reingeschrieben: Mann, Junge, komm endlich zur Sache...

Zurück

Offene Fragen.
Das sind meine Lieblinge. Sie ärgern mich maßlos. Da wird irgend etwas in den Raum gestellt, der Leser fragt nach dem Warum und es wird nie wieder erwähnt. Toll. Warum muss denn obige Frau das Fax bezahlen? Warum finden die die Leiche nicht? Offene Fragen, die die Autorin nie geklärt hat.

Zurück

Epische Gerechtigkeit
Wo ist diese am weitesten verbreitet? Im Märchen. Nahezu jedes Märchen endet mit Gerechtigkeit. Die böse Hexe wird in den Backofen gestoßen, der böse Wolf endet im Brunnen usw.
Eine böse Frau bringt ihren Mann um und geht dabei so raffiniert vor, dass die Polizei nichts unternimmt. Es war ein Unfall, sagen sie. Am Ende des Thrillers fährt sie auf direktem Wege in die Hölle. Der Autor hat Gerechtigkeit vollstreckt. Das geht aber auch anders: eine Frau bringt zehn unschuldige Menschen um, bekommt am Ende ihr Schloss (eigenes Hotel) und heiratet den Prinzen (Offizier) und lebt friedlich mit ihm zusammen und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Hier fehlt die Gerechtigkeit ganz. Wer das verfasst hat? Deutschlands Bestsellerautorin Hera Lind! Sie hat die epische Gerechtigkeit nicht nur ganz außer Acht gelassen, sonder sie ist für mich damit auch noch im höchsten Maße unglaubwürdig geworden. Und ihren Roman „Mord an Bord” war mit Sicherheit der erste und letzte, den ich von ihr gelesen habe. Herzlichen Glückwunsch Frau Lind!

Zurück

Immer dieser Ärger mit den Perspektiven.

Zu Beginn eines Kapitels legen wir die Perspektive fest. Vielleicht vereinfacht das Wort Erzählperspektive diesen Beitrag.
Beispiel:
Susanne betrat den Raum und dachte dabei, hoffentlich treffe ich hier nicht auf Jan. Damit haben wir die Erzählperspektive auf Susanne festgelegt. Und bei Susanne sollte sie auch bleiben. Machen wir mal weiter:
Sie sah sich mehrfach um und wurde dabei immer ruhiger, denn Jan konnte sie auch nach intensiver Suche nicht ausmachen. Hier sind wir immer noch bei Susanne. Weiter:
Plötzlich klopfte ihr jemand auf die Schulter. Erschrocken fuhr sie (immer noch Susanne) herum. Vor ihr stand Karl und grinste. „Hab ich dich erschreckt?”, fragte er.
„N-nein, nicht wirklich”, gab Susanne zurück.
Mit folgendem Satz machen wir den Fehler, den sehr viele unerfahrene Autoren begehen.
Mein Gott, dachte Karl. Sie sieht hinreißend aus. Damit haben wir Susannes Perspektive verlassen und sind auf Karl gewechselt.
Was sieht der mich so blöd an?, fragte sich Susanne in dem Augenblick. Hier haben wir wieder Susannes Erzählperspektive. Wir sind wieder zurück gewechselt. Einige Autoren übertreiben das regelrecht, in dem sie z.B. weiterschreiben: mit fragendem Blick eilte ein Kellner herbei und dachte sich, die beiden mögen sich wohl nicht sonderlich, sagte aber nichts. Und damit hätten wir die Erzählperspektive des Kellners. Das ganze hat einen Namen: auktorialer Stil. Man hat das vor langer Zeit mal so getan. Heute hält man die Perspektiven immer schön auseinander, der eingeschränkt auktoriale Stil.
Wie hätte es nun richtig sein müssen?

„Hab ich dich erschreckt?”, fragte er.
„N-nein, nicht wirklich”, gab Susanne zurück. Sie wusste, dass Karl ihr Aussehen bewunderte. Trotzdem mochte er sie scheinbar nicht. Hiermit haben wir Susannes Perspektive gewahrt.
Ein Kellner eilte herbei und Susanne sah ihm sofort an, dass er bemerkt haben musste, dass sie Karl auch nicht sonderlich mochte. Wiederum Susannes Perspektive.
Wir hüten uns aber etwas zu behaupten, was wir nicht wissen können. Susanne stellt nicht fest, was sie nicht wissen kann, deshalb: Trotzdem mochte er sie scheinbar nicht. Scheinbar heißt in diesem Satz das Zauberwort. Sie denkt: scheinbar mag er mich nicht. Er mag mich nicht, ist eine Behauptung, die für dem Leser nicht bewiesen ist.
Ähnlich verhält es sich mit der Zeit.

Zurück

In den Weiten der Zeiten.

Wir schreiben in der Vergangenheit (Perfekt). „N-nein, nicht wirklich”, gab Susanne zurück. Gab, Vergangenheit, gibt, Gegenwart. Sie wusste, dass Karl ihr Aussehen bewunderte. Wusste, Vergangenheit, weiß, Gegenwart. Bewunderte, Vergangenheit, bewundert, Gegenwart.
Wenn wir jetzt eine Rückblende machen wollen, müssen wir in die vollendete Vergangenheit wechseln (Plusquamperfekt).
Früher war das auch schon so, da mochte Karl sie auch nicht. Mochte Vergangenheit. ...da hatte er sie auch nicht gemocht, vollendete Vergangenheit.
Vor zehn Jahren, als sie zur Schule gingen... Gingen, Vergangenheit. ...gegangen waren, vollendete Vergangenheit.
Kommen wir aus unserem Rückblick zurück, wechseln wir natürlich wieder aus der vollendeten in die Vergangenheit. Von Plusquamperfekt ins Perfekt.

Zurück

[Zur Person] [Zu den Büchern] [Rezensionen] [Service f. Jungautoren] [Seminar] [Interessantes] [Bildung] [Deutsche Krimiautoren] [Erfolge] [Niederlagen] [Versagen] [Presse] [Bildergalerie] [Kontakt Impressum] [Das Letzte]